Man merkt es an vielen Einzelmeldungen: Bei den verantwortlichen Stellen setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass man den US-Big-Tech-Firmen nicht mehr vertrauen darf, nicht zuletzt durch die seitens der US-Administration angeordneten Kontensperrungen für Richter°Innen des Internationalen Strafgerichtshofs durch Microsoft. Das hat aufgezeigt, dass Microsoft Europa im Krisenfall jeglichen Zugriff auf Mail oder Office, tatsächlich aber sogar Windows, einfach abdrehen kann.
Ein Zusammenschluss europäischer Technologieunternehmen arbeitet unter dem Namen Euro-Office an einer eigenen Online-Office-Suite als direkte Alternative zu Microsoft Office und Google Workspace. Hinter der Initiative stehen Nextcloud und Ionos als treibende Kräfte; weitere Beteiligte sind XWiki, OpenProject, Eurostack, Soverin, Abilian, BTactic und andere. Das Projekt baut technisch auf OnlyOffice auf und deckt die drei Kernanwendungen ab: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware. Eine erste Entwicklervorschau steht bereits auf Github zur Verfügung, eine stabile Version für Endanwender°Innen wird für 2027 erwartet.
Europa unter Zugzwang
Wer die Entwicklungen der letzten Monate verfolgt hat, für den kommt Euro-Office nicht aus dem Nichts. Frankreich hat bereits Teams, Zoom und Webex aus Behörden verbannt. Schleswig-Holstein hat Microsoft Outlook abgelöst und erfolgreich den Wechsel zu Open-Source-Lösungen vollzogen. Der Bundestag hat digitale Unabhängigkeit als Ziel formuliert (was für mich an ein Wunder grenzte). Und ich habe an anderer Stelle in diesem Blog beschrieben, was ein Microsoft-Anwalt unter Eid vor dem französischen Senat einräumen musste: dass europäische Daten auf europäischen Servern von US-Firmen nicht vor dem Zugriff durch amerikanische Behörden geschützt sind. Das ist keine Theorie, das ist geltende Rechtslage, die durch einen Unternehmensjuristen unter Eid bestätigt wurde.
Die Frage ist schon lange nicht mehr, ob Europa eine eigene Office-Infrastruktur braucht. Die Frage ist jetzt: kommt das rechtzeitig?
Eine Integrationskomponente, keine Einzelplatz-Suite
Hier lohnt sich ein kurzer Blick auf das, was die Initiative wirklich liefert:
Euro-Office ist zunächst eine für kollaborative Dokumentenbearbeitung gedacht (für lokale Einzelplatzbearbeitung existiert bereits LibreOffice). Das bedeutet: Die Software übernimmt das Öffnen, Bearbeiten und Speichern von Dokumenten in verbreiteten Formaten – DOCX, PPTX, XLSX und die ODF-Varianten ODT, ODS und ODP, und das kollaborativ und online, was Datenweitergabe deutlich vereinfacht. Was sie nicht mitbringt, ist eine vollständige Arbeitsumgebung. Speicherung, Benutzerrechte, Navigation und Freigabelogik kommen von der Plattform, in die Euro-Office eingebunden wird – also etwa Nextcloud Hub, OpenProject oder Proton Docs. Das dürfte auch erklären, warum Nexcloud die Performance seiner Lösung gerade erst erheblich verbessert hat: Um Akzeptanz und die Voraussetzungen für dieses Projekt zu schaffen; denn wer bereits mit Nextcloud gearbeitet hat, weiß, dass die Lösung bisweilen … träge war.
Wer eine eigenständige Desktop-Suite für den Einzelplatz sucht, nutzt (weiterhin) LibreOffice. Das ist keine Schwäche von Euro-Office, sondern eine bewusste Arbeitsteilung: Nextcloud als erprobte Kollaborationsplattform, OnlyOffice als dokumentenbearbeitende Komponente, alles quelloffen und unter europäischer Kontrolle, aber alles miteinander kompatibel.
Die Cloud-Infrastruktur soll ausschließlich innerhalb der EU betrieben werden. Die Einhaltung der DSGVO ist laut den Initiatoren von Anfang an als Grundprinzip in der Entwicklung verankert, nicht als nachträgliche Compliance-Maßnahme. Und: durch die vollständige Veröffentlichung auf Github kann jede°r nachvollziehen, wie die Software arbeitet und was mit Daten passiert.
Das ist, in einem Satz, der Gegenentwurf zur sogenannten „Sovereign Cloud“ von Microsoft, die ich an anderer Stelle ausführlich kommentiert habe.
Kompatibilität: Die Achillesferse aller Vorgänger
Frühere Versuche, europäische Alternativen aufzubauen, sind an zwei Punkten regelmäßig gescheitert: fehlender Wille, dadurch fehlende Finanzierung und unzureichende Kompatibilität mit Microsoft-Formaten. Die Euro-Office-Initiatoren sind sich offenbar bewusst, dass Kompatibilität kein nettes Extra, sondern eine Grundvoraussetzung ist: Sie versprechen ausdrücklich, gängige Formate reibungslos importieren und exportieren zu können.
Ob dieses Versprechen hält, wird die Praxis zeigen. Nextcloud und Ionos sind keine Newcomer – beide haben jahrelange Erfahrung mit Open-Source-Infrastruktur für Unternehmen und Behörden. Das ist kein Garant für Erfolg, aber eine deutlich solidere Basis als ein gut gemeintes Projekt ohne Unternehmensrückhalt.
Der Elefant im Raum: LibreOffice und OnlyOffice
Ein Faktor sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben. LibreOffice – die naheliegendste freie Alternative zu Microsoft Office und auch im Kontext des ODF-Mandats für die deutsche Verwaltung ab 2027 prominent – hat OnlyOffice, die technische Grundlage von Euro-Office, öffentlich als „fake Open Source“ kritisiert. Das ist kein Kleinkram, wenn man Vertrauen in der Open-Source-Community aufbauen möchte.
Die Euro-Office-Macher°Innen signalisieren Gesprächsbereitschaft und nennen mögliche gemeinsame Arbeit am Dokumentenkonverter als ein erstes konkretes Beispiel. Das klingt vernünftig. Es wird sich zeigen, ob daraus tatsächlich Zusammenarbeit wird oder ob die unterschiedlichen technischen und ideologischen Grundlagen ein Reibungspunkt bleiben.
Vorsichtiger Optimismus ist angebracht
Es ist ein richtiger Schritt. Er kommt spät, aber er kommt – und das in einem Moment, in dem die politischen Rahmenbedingungen günstiger (oder auch dringender) sind als je zuvor. ODF wird in der deutschen Verwaltung ab 2027 verpflichtend, US-Geheimdienste haben Zugriff auf europäische Daten bei US-Unternehmen, Microsoft hat gerade im großen Stil vorgeführt, wie es ein Betriebssystem mit ungewollten Funktionen überfrachtet und Nutzer°Innen dabei zutiefst gleichgültig sind – wofür es prompt den Spitznamen „Microslop“ kassiert hat – und wie man Richter°Innen des Internationalen Strafgerichtshofs die Konten sperrt.
Die Kombination aus politischem Druck, technischer Grundlage und einer handvoll erfahrener europäischer Unternehmen ist mit Sicherheit um Längen besser als alles, was bei früheren Versuchen ins Feld geführt wurde. Das ist kein Grund zur Euphorie, aber allemal ein Grund, das Projekt im Auge zu behalten. Hoffen wir, dass wenig technikaffine Politiker°Innen (insbesondere aus konservativen Parteien) dem nicht wieder einen Strich durch die Rechnung machen.
Quellen:
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- Felix Krauth: „Schluss mit Microsoft: Europäische Firmen bauen eigene Office-Suite“, WinFuture, 28. März 2026 (winfuture.de)
- Heise Online: „Microsoft-Alternative: Nextcloud und Ionos entwickeln quelloffenes Euro-Office“, 2026 (heise.de)
- Euro-Office Quellcode und Projektseite: github.com/Euro-Office

