Der amerikanische Tech-Blogger John Gruber hat kürzlich ein Essay von Entwickler Shubham Bose verlinkt, das es verdient, auch hierzulande gelesen zu werden. Bose hat sich hingesetzt und populäre Nachrichtenwebseiten technisch seziert. Das Ergebnis ist ernüchternd, wenn auch kaum überraschend für alle, die täglich mit dem Web – und insbesondere mit Seiten journalistischer Medien – zu tun haben.
Die New York Times: 422 Netzwerkanfragen, 49 Megabyte Daten, zwei Minuten bis die Seite vollständig geladen ist. Für vier Schlagzeilen. Der Guardian: Auf dem Mobilgerät bleibt nach Werbebannern, Consent-Bannern, Newsletter-Einblendungen und App-Empfehlungen noch elf Prozent der Bildschirmfläche für den eigentlichen Artikeltext übrig. Vier Textzeilen. Der Rest: Werbung, Dark Patterns, Zumutungen.
Das kennen wir auch in Deutschland
Wer auf deutschen Medienseiten unterwegs ist weiß, dass das kein amerikanisches Problem ist. SPIEGEL Online, ZEIT Online, FAZ.net, Süddeutsche.de, RND, Heise, Golem – das Spiel ist überall dasselbe. Man ruft eine Nachrichtenwebseite auf und wird sofort mit einem Consent-Banner begrüßt, der so gestaltet ist, dass „Alles akzeptieren“ in signalstarkem Grün leuchtet, während „Einstellungen verwalten“ grau, klein und versteckt daherkommt, ein sogenanntes Dark Pattern und eigentlich nicht legal. Danach folgt das Newsletter-Popup. Dann die Paywall-Einblendung, natürlich sieht man die erst, wenn man allen Trackern zugestimmt hat und stellt dann fest, dass man zwar jetzt seine Daten freiwillig freigegeben hat, aber den Artikel dennoch nicht zu sehen bekommt. Dann – wenn man das alles weggeklickt hat und keine Paywall einen aufhält – der Artikel, unterbrochen von Werbung, eingebetteten Videos die autoabspielen, Empfehlungen für andere Artikel, und mindestens einem weiteren Aufruf, doch endlich ein Abo abzuschließen. Dazu noch das ständige Herumgenerve, dass es auf der Startseite neue Artikel gibt.
Bose formuliert es deutlich: Jede feindliche UX-Entscheidung hat denselben Ursprung. Die Zeit, die man auf der Seite verbringt, ist die Ware. Je länger man gefangen bleibt – wartet, klickt, scrollt, wegklickt – desto höher der CPM (CPM bedeutet „Cost per Mille“ – also Kosten pro tausend Sichtkontakten), den der Verlag seinen Werbepartnern in Rechnung stellen kann. Die Frustration der Leserin ist kein Kollateralschaden. Sie ist das Geschäftsmodell.
Was die Printausgabe nie täte
Gruber macht einen Vergleich, der sitzt: Die Printausgabe derselben Verlage – New York Times, Guardian, SPIEGEL, ZEIT – tut nichts davon. Keine Werbeanzeige, die sich nach drei Sekunden über den Artikel legt. Kein Redakteur, der zwischen Absatz zwei und drei eine Trompete ins Ohr bläst und versucht, einem irgendein Schlangenöl zu verkaufen. Kein Artikel, in dem nach jedem vierten Satz eine Empfehlung für einen völlig anderen Artikel eingeblendet wird. Print ist respektvoller gestaltet – aus gutem Grund, denn Leser, die sich veräppelt fühlen, kaufen die Zeitung kein zweites Mal oder kündigen ihr Abo.
Für die Onlineausgabe gilt das offenbar nicht. Die Entscheidungsträger dort, so Grubers Diagnose, sind Menschen, die das Web als Konkurrenz zu Print sehen und es weder mögen noch verstehen – und trotzdem die Chefetage großer Nachrichtenwebseiten bevölkern. Das Ergebnis: Kapitäne, die absichtlich auf Eisberge zuhalten. Und am Ende lamentieren dieselben Nieten in Nadelstreifen darüber, dass die Zeitungsbranche „wegen des Internets“ am Boden liegt. „Das Internet“ ist nicht der Grund, das Verhalten der Medienhäuser gegenüber den Leser°Innen ist es. Ich würde tatsächlich Onlinezeitungen abonnieren, wenn der Preis stimmen würde, aber insbesondere, wenn dieses respektlose, turbokapitalistische Gehabe endlich aufhört. Übrigens gilt das ähnlich auch für Firmenwebseiten. Der Versuch, mich mit Trackern zu überschütten führt nicht dazu, dass ich die Produkte kaufe. Im Gegenteil.
49 Megabyte für vier Schlagzeilen – und wer dafür zahlt
In Deutschland kommt eine Dimension hinzu, die in der amerikanischen Diskussion fehlt: die DSGVO. Theoretisch schützt sie uns. Praktisch ist sie für viele Verlage zu einer Consent-Theater-Industrie geworden. Man klickt auf „Einstellungen verwalten“ und findet dort häufig Hunderte von „Partnern“, denen man jeweils einzeln widersprechen kann – oder eben nicht, wenn der Schalter bereits auf „aktiv“ steht und man erst jeden einzeln deaktivieren muss – stets begründet mit dem Beelzebub der Datenschutzgrundverordnung: dem „berechtigten Interesse“. Das ist nicht DSGVO-Konformität. Das ist DSGVO-Kosmetik, ja sogar DSGVO-Betrug, entwickelt von spezialisierten Consent-Management-Agenturen mit dem einzigen Ziel, möglichst viele Einwilligungen herauszuholen; und natürlich auch, um ihre fragwürdigen Dienstleistungen an die Medienhäuser zu verkaufen, denn das ist ein lukratives Geschäft. Dass hier jemand gutes Geld verdient, kann man unter anderem daran erkennen, dass sich diese Consent-Popups auf so ziemlich allen Seiten merkwürdig ähnlich sehen …
Der Gipfel der Dreistigkeit ist, dass das alles nicht aufhört, wenn man ein Abonnement für ein Onlinemedium abschließt. Ich habe einen Artikel zu dem Thema gelesen, in dem angemerkt wurde, dass sich die Zahl der Tracker auf manchen Onlinezeitungsseiten nach Anschluss eines Abos sogar noch erhöht. Unfassbar.
Ich selbst nutze schon lange Vivaldi (oder Waterfox) mit uBlock, AdBlock und Privacy Badger – zum einen aus prinzipiellem Trotz, zum anderen weil das Surfen ohne diese Werkzeuge auf deutschen Nachrichten- (und anderen) Webseiten schlicht nicht zumutbar ist. Weiterhin sind solche Ad-, Tracker- und Skriptblocker digitale Selbstverteidigung, da über die Werbeserver auch immer wieder Schadcode ausgeliefert wird. Die Nutzung dieser Tools ist die rationale Reaktion auf ein System, das den Leser konsequent als „Inventar“ behandelt („Ad inventory“ ist der Branchenbegriff für die Aufmerksamkeit der Nutzer°Innen, die Verlage an Werbenetzwerke verkaufen).
Das eigentliche Problem: verlorenes Vertrauen
Gruber und Bose konzentrieren sich auf die technische und UX-Dimension (UX = User Experience, also Benutzerfreundlichkeit) des Problems. Es gibt meiner Ansicht nach aber noch eine tiefere Ebene, die für die Zukunft des Journalismus vielleicht die gefährlichste ist: das verlorene Vertrauen.
Wenn ein Verlag wie Heise, der täglich Artikel über Datenschutz, Überwachungskapitalismus und die Macht der Tech-Konzerne veröffentlicht, gleichzeitig seine eigene Webseite mit Unmengen an Trackern bestückt und den Leser mit Dark Patterns zur Einwilligung drängt – dann ist das kein Widerspruch, den die Leser nicht bemerken. Sie bemerken ihn sehr wohl. Und sie ziehen Schlüsse daraus.
Wer den Journalismus als Institution erhalten will – und das sollte man unbedingt wollen, trotz allem – sollte sich fragen, was es mit dem Vertrauen in diesen Journalismus macht, wenn die Webseiten der großen Verlage sich von den dunkelsten Ecken des Webs kaum noch unterscheiden lassen. Das Tracking, die Popups, das Consent-Theater: Das ist nicht nur schlechtes UX. Das ist eine Aussage darüber, dass die Verlage ihre Leser°Innen nicht respektieren und nur als Ware sehen. Und am Ende wundern sich die Verlage ernsthaft auch noch, wenn diese Leser°Innen das bemerken und ihnen den Rücken kehren.
Was guter Webauftritt bedeutet
Fakt ist: Es geht auch anders. Es gibt Nachrichtenwebseiten – kleinere, spezialisierte, oft von Einzelpersonen oder kleinen Teams betrieben – die ohne diesen Apparat auskommen. Die schnell laden, keine Tracker setzen, ihren Lesern nicht ständig etwas verkaufen wollen. Die taz ist ein gutes Beispiel dafür. Sie überleben oft nur durch direkte Unterstützung ihrer Leser, durch Abonnements oder Mitgliedschaften. Das Modell funktioniert, wenn der Inhalt gut genug ist und der Respekt gegenüber dem Leser spürbar bleibt.
Für alle, die selbst eine Webseite betreiben – egal ob kleines Unternehmen, Freelancer oder Verein – ist das eine Lektion, die kostenlos zu haben ist: Eine Webseite, die ihren Besuchern gegenüber respektvoll gestaltet ist, schnell lädt, keine unnötigen Tracker setzt und klar kommuniziert, was sie will, baut Vertrauen auf. Eine Webseite, die ihren Besucher als reine Datenlieferanten behandelt und auf maximale Verweildauer optimiert ist, baut es ab. Und einmal verlorenes Vertrauen kommt selten zurück.
Man kann seine Webseite so gestalten, dass sie Besucher respektiert statt ausbeutet. Es ist keine Raketenwissenschaft. Es ist eine Frage der Prioritäten und von Ethik.
Den Essay von Shubham Bose gibt es auf thatshubham.com, Grubers Kommentar dazu auf daringfireball.net. Beide sind lesenswert – und laden schnell.

