Anfang März 2026 haben Epic Games und Google nach einem jahrelangen Rechtsstreit eine weltweite Einigung erzielt. Das Ergebnis: Der Google Play Store öffnet sich für Konkurrenz, die Gebühren für Entwickler sinken spürbar, und Fortnite kehrt in den Play Store zurück. Klingt nach einem klaren Sieg für alle. Aber wie so oft steckt der Teufel im Detail – und der ist diesmal besonders gut versteckt.
Wie alles begann
Die Geschichte fing im August 2020 an. Epic Games baute in Fortnite kurzerhand ein eigenes Zahlungssystem ein, das Apples und Googles jeweilige Bezahlschnittstellen umging – und damit deren Umsatzbeteiligung von bis zu 30 Prozent. Beide Store-Betreiber reagierten wie erwartet: Fortnite flog raus.
Epic hatte allerdings genau das von vorneherein einkalkuliert und reichte am selben Tag gegen beide Konzerne Klage ein. Der Vorwurf: illegales Monopolverhalten, wettbewerbswidrige Praktiken, überhöhte Gebühren. Gegen Apple verlor Epic weitgehend – das Gericht sah keinen Monopolmissbrauch. Der Fall gegen Google entwickelte sich allerdings anders.
Im Dezember 2023 fällte ein Geschworenengericht in San Francisco das Urteil: Google betreibt mit dem Play Store ein illegales Monopol. Epic bekam in allen elf Anklagepunkten recht. Im Prozess kam dabei zudem ans Licht, dass Google Milliarden an Samsung gezahlt hatte, um seinen eigenen Store trotz des hauseigenen Galaxy Store prominent auf den Geräten zu platzieren – und außerdem exklusive Vereinbarungen mit Spieleentwicklern abgeschlossen hatte, die konkurrierende Stores systematisch ausbremsten. Im Oktober 2024 bestätigte ein Berufungsgericht das Urteil, und Richter James Donato ordnete konkrete Abhilfemaßnahmen an.
Googles Gegenzug: die Entwickler-Verifizierungspflicht
Während das Kartellverfahren noch lief, kündigte Google im August 2025 relativ verstohlen eine Maßnahme an, die in ihrer Tragweite erstaunlicherweise außerhalb der Entwickler°Innen-Community wenig Beachtung fand: Ab Herbst 2026 sollen auf zertifizierten Android-Geräten nur noch Apps installierbar sein, deren Entwickler sich zuvor bei Google registriert und ihre App mit einem Google-signierten Zertifikat versehen haben. Betroffen wäre nicht nur der Play Store – sondern auch jede App, die per Sideloading oder über alternative Stores installiert wird.
Konkret bedeutet das: Wer eine App außerhalb des Play Stores anbieten möchte, braucht künftig eine Google-Genehmigung. Entwickler müssten dabei Namen, Adresse, E-Mail und Telefonnummer hinterlegen. Der Rollout ist gestaffelt – ab September 2026 zunächst in Brasilien, Indonesien, Singapur und Thailand, ab 2027 schrittweise weltweit.
Google begründete das mit Sicherheit: Laut eigenen Daten stamme mehr als die Hälfte aller Android-Malware aus Sideloading-Quellen, deutlich mehr als aus dem Play Store. Nach öffentlichem Protest ruderte Google sprachlich zurück – man wolle Sideloading nicht verbieten, sondern nur „erfahrenen Nutzern“ ermöglichen, die Risiken bewusst zu akzeptieren. Was das in der Praxis bedeutet, blieb allerdings ziemlich vage, um es vorsichtig auszudrücken.
Für Open-Source-Projekte und alternative Appstores wie F-Droid oder Entwickler, die ihre Apps lieber direkt als APK verteilen, wäre das ein ernstes Problem gewesen. Noch brisanter: Ein Gericht hatte Google gerade verurteilt, seinen Griff auf das Android-Ökosystem zu lockern – und Google hätte durch die Hintertür genau das Gegenteil durchgesetzt.
Der Druck kam nicht nur aus San Francisco
Denn das US-Urteil war nicht der einzige Hebel, der Google hier bewegt hat. Seit 2023 gilt in der EU der Digital Markets Act (DMA), der große Plattformbetreiber – sogenannte Gatekeeper – rechtlich dazu verpflichtet, alternative App-Stores und Zahlungssysteme zuzulassen. Google fällt als Betreiber von Android und dem Play Store eindeutig in diese Kategorie. Bei Apple war die DMA-Wirkung dramatischer, weil iOS bis dahin keinerlei Sideloading erlaubte – seit iOS 17.4 sind in der EU alternative Stores möglich. Bei Android war Sideloading technisch immer schon möglich, nur eben umständlich und mit Warnmeldungen gepflastert. Trotzdem gilt auch für Google die DMA-Pflicht zu echtem Wettbewerb bei Stores und Zahlungssystemen – und die geplante Entwickler-Verifizierungspflicht lässt sich mit diesen europäischen Vorgaben nicht vereinbaren. Dass die Einigung mit Epic nun weltweit gilt und nicht nur in den USA, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Google in Europa ohnehin unter Zugzwang stand und steht.
Was die Einigung jetzt ändert
Die im März 2026 erzielte Einigung setzt das Urteil nun praktisch um – und wirkt direkt der Verifizierungspflicht entgegen. Die wichtigsten Änderungen:
Zahlungsfreiheit für Entwickler: Wer Apps im Play Store anbietet, muss künftig nicht mehr zwingend Googles eigenes Bezahlsystem nutzen. Entwickler können eigene Zahlungssysteme parallel anbieten oder Nutzer direkt auf ihre Website leiten.
Niedrigere Gebühren: Googles Provision wird deutlich gestaffelt. Die Abrechnungsgebühr für Googles eigenes Bezahlsystem beträgt in der EU, Großbritannien und den USA künftig 5 Prozent. Der allgemeine Service-Fee für In-App-Käufe sinkt auf 20 Prozent für neue Installationen, Abonnements sogar auf 10 Prozent. Wer an Googles neuen Qualitätsprogrammen teilnimmt, kann noch weiter nach unten gehen.
Konkurrenz bei App-Stores: Google führt ein „Registered App Stores“-Programm ein. Alternative Store-Betreiber, die bestimmte Sicherheits- und Qualitätsstandards erfüllen, werden offiziell registriert und erhalten beim Sideloading einen vereinfachten Installationsprozess. Teilnahme ist freiwillig – wer nicht mitmacht, bleibt beim bisherigen, umständlicheren Ablauf. Ab Juli 2026 dürfen Entwickler zudem eigene Marken-App-Stores starten.
Das Verhältnis zur Verifizierungspflicht ist dabei nicht vollständig aufgelöst. Google hat zwar betont, Sideloading nicht grundsätzlich abschaffen zu wollen – aber für 2026 sind weitere Erschwerungen des Sideloading-Prozesses angekündigt, die nicht registrierte Stores de facto benachteiligen dürften. Das Gericht muss dem Vergleich noch final zustimmen, und genau dabei dürfte dieser Punkt eine Rolle spielen: Einen Konzern, der gerade wegen Monopolmissbrauchs verurteilt wurde, gleichzeitig zur einzigen Genehmigungsinstanz für alle Android-Apps zu machen, wäre schwer zu rechtfertigen und ohnehin nicht mit dem DMA zu vereinbaren.
Tim Sweeney vergleicht das angestrebte Ergebnis mit dem PC-Markt, wo Steam, GOG und der Epic Games Store nebeneinander existieren und echten Wettbewerb erzeugen. Das sei nun auch auf Android möglich. Fortnite kehrt als Teil der Einigung weltweit in den Play Store zurück, Epic baut parallel seinen eigenen Android-Store aus.
Das Kleingedruckte: 800 Millionen Dollar und ein Maulkorb
Soweit die offizielle Geschichte. Dass es Nebenabsprachen gab, erfuhr die Öffentlichkeit fast zufällig. Während einer Anhörung vor Richter Donato verplapperte sich Tim Sweeney und ließ durchblicken, dass Epic und Google parallel zum Rechtsstreit eine geheime Partnerschaft verhandelt hatten. Donato bohrte nach – und die Summe kam heraus: 800 Millionen US-Dollar, die Epic über sechs Jahre an Google zahlt. Im Gegenzug geht es um gemeinsame Produktentwicklung, gemeinsames Marketing und die intensivere Nutzung der Unreal Engine durch Google.
Richter Donato äußerte öffentlich Bedenken, ob dieser Deal Epics Verhandlungsposition im Kartellverfahren beeinflusst haben könnte – ein sogenanntes „quid pro quo“. Sweeney versuchte herunterzuspielen: Epic zahle, erhalte keine Gegenleistung in Form von Sonderbehandlung, und sehe nichts Anrüchiges daran, Google zu bezahlen, um mehr Wettbewerb durchzusetzen als der Konzern bisher zugelassen hätte. Das Gericht hat den Vergleich noch nicht abschließend abgesegnet.
Dazu kommt eine Schweigeabsprache: Als Teil der Einigung haben beide Seiten eine gegenseitige Nicht-Herabsetzungsklausel vereinbart – bezogen auf Themen rund um App-Store-Vertrieb und Gebühren, bis 2032. Epic präzisierte auf Nachfrage, dass Google-Kritik in anderen Bereichen weiterhin möglich sei. Aber wer Tim Sweeneys jahrelange kämpferische Rhetorik kennt, dem fällt dessen Zurückhaltung trotzdem auf.
Was das für Entwickler bedeutet
Für alle, die Apps oder Spiele für Android entwickeln, sind die Änderungen grundsätzlich positiv. Niedrigere Gebühren bedeuten mehr Marge. Die Möglichkeit, auf alternative Zahlungssysteme oder eigene Websites zu verweisen, gibt Entwicklern mehr Kontrolle. Mehr Wettbewerb unter Store-Betreibern könnte langfristig bessere Konditionen bringen.
Und zumindest vorerst dürfte die Einigung dafür sorgen, dass die Verifizierungspflicht für App-Entwickler und Apps in ihrer ursprünglich geplanten Form nicht kommt – oder erheblich abgemildert wird. Dass Google gerade erst rechtlich gezwungen wurde, Android zu öffnen, und gleichzeitig eine Pflichtregistrierung für alle App-Entwickler einführen wollte, war ein Widerspruch, den ein Richter kaum hätte durchgehen lassen – und die Verantwortlichen bei der EU hoffentlich ebenfalls nicht.
Ob die Öffnung tatsächlich zu einem lebendigen Markt an Android-Stores führt wie auf dem PC, wird sich zeigen. Bisher haben es alternative Android-Stores abseits von Nerds und Poweruser°Innen nie wirklich geschafft, Fuß zu fassen. Der vereinfachte Installationsprozess für registrierte Stores könnte das ändern.
Fazit
Der Fall Epic gegen Google ist ein Lehrstück darüber, wie langwierig und komplex solche Auseinandersetzungen sind – und wie sehr juristischer Druck und strategisches Taktieren ineinandergreifen. Epic hat sich jahrelang als Anwalt aller Entwickler positioniert. Das Ergebnis ist real und bringt echte Verbesserungen. Ein 800-Millionen-Deal mit dem Gegner, ausgehandelt im Verborgenen während des laufenden Verfahrens, und eine Schweigeklausel bis 2032 hinterlassen trotzdem einen schalen Nachgeschmack.
Dass Googles geplante Entwickler-Verifizierungspflicht nun zumindest in seiner ursprünglichen Form vom Tisch sein dürfte, ist vielleicht der unbemerkteste, aber in meinen Augen wichtigste Teil dieser Einigung.

