
Wer in den letzten Jahren Fotos bearbeitet hat, kennt das Spielfeld: Adobe hält mit Lightroom und Camera Raw eine Art Quasimonopol auf den RAW-Entwicklungsprozess – zumindest für alle, die kein Faible für die Lernkurven von Darktable oder RawTherapee mitbringen. Beide sind zweifellos mächtige Programme, aber ihre Benutzeroberflächen lassen sich höflich als „gewöhnungsbedürftig“ beschreiben, und in der Praxis bedeutet „Ordner einbinden“ bei manchen dieser Alternativen erst einmal eine längere Sitzung mit Tutorials und Foren. Das muss nicht sein. Und seit RapidRAW existiert, ist es das auch nicht mehr.
Was ist RapidRAW?
RapidRAW ist ein kostenloser, quelloffener RAW-Bildeditor, der unter der AGPL-3.0-Lizenz entwickelt wird und auf Windows, macOS und Linux läuft. Gebaut auf Rust und Tauri mit einem React-Frontend, lagert er die gesamte 32-Bit-Bildverarbeitung per GPU-Beschleunigung aus – was sich in der Praxis in einem für Open-Source-Software bemerkenswert flüssigen Bedienerlebnis niederschlägt. Das Projekt wird von Timon Käch entwickelt, der damit als 18-Jähriger angefangen hat. Das ist keine Randnotiz, sondern eigentlich das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte.
Mit derzeit über 5.800 GitHub-Stars und aktiver, nahezu täglicher Weiterentwicklung ist das kein halbgares Hobbyprojekt, sondern Software, die man ernstnehmen muss.
Das Adobe-Problem und die Frage der digitalen Souveränität
Über die Abhängigkeit von US-amerikanischen Softwarekonzernen haben wir an dieser Stelle bereits mehrfach geschrieben – zuletzt im Zusammenhang mit Microsoft und der unbequemen Wahrheit, dass europäische Server allein keine digitale Souveränität bedeuten. Bei Adobe ist die Situation nicht grundlegend anders. Man zahlt monatlich für Software, die auf US-Servern aktiviert wird, deren Lizenzbedingungen sich jederzeit ändern können und bei der man im Zweifelsfall abhängig von der Gunst eines US-Unternehmens ist – inklusive der damit verbundenen rechtlichen Risiken nach Cloud Act und Homeland Security Act. Und grundsätzlich möchte man eben vielleicht auch nicht mehr, dass US-Firmen an einem verdienen und Geld in die Vereinigten Staaten fließt.
Die Situation mit Affinity, der lange Zeit überzeugendsten Adobe-Alternative, hat das noch einmal plastisch gemacht: Canva kauft Affinity, macht sie „kostenlos“, und plötzlich stehen professionelle Nutzer vor der Frage, ob sie wirklich ihre Workflows und Kundendaten einem australischen Cloud-Konzern anvertrauen möchten, dessen Privacy Policy und Lizenzbedingungen man besser sorgfältig liest. „Kostenlos“ bedeutet eben nicht „frei“.
RapidRAW ist hingegen wirklich frei. Kein Abonnement, kein Konto, keine Cloud-Pflicht, keine Telemetrie. Die Software ist unter 20 MB groß, läuft vollständig lokal und schickt Bilder nirgendwo hin. Bearbeitungen werden in kleinen .rrdata-Sidecar-Dateien gespeichert – nicht-destruktiv und ohne proprietären Lock-in. Das ist digitale Souveränität, wie sie bei Software aussehen sollte.
Meine Erfahrungen: Installation und erster Eindruck
Die Installation war bemerkenswert unkompliziert. Installer herunterladen, ausführen, fertig – tatsächlich genau so schnell und einfach, wie das klingt. Wer die Hürden kennt, die manche Open-Source-Anwendungen beim ersten Start aufbauen, wird das zu schätzen wissen.
Und dann das erste Öffnen der Benutzeroberfläche: RapidRAW sieht schlichtweg gut aus. Das ist kein kleines Detail, wenn man bedenkt, dass das Interface der eigentliche Arbeitsraum ist, in dem man oft Stunden verbringt. Es wirkt durchdacht und aufgeräumt – und ich würde sogar sagen: in mancher Hinsicht durchdachter als Camera Raw selbst. Man findet sich sofort zurecht, ohne vorher eine Einführung zu benötigen. Wer bereits in Camera Raw oder Lightroom gearbeitet hat, kann im Prinzip sofort loslegen.
Ordner einbinden: Der Unterschied zu anderen Open-Source-RAW-Editoren
Hier liegt für mich einer der entscheidenden Vorteile gegenüber der Konkurrenz aus dem Open-Source-Bereich. Das Einbinden von Ordnern funktioniert bei RapidRAW sehr gut und vor allem zügig. Ordner auswählen, kurz warten, Thumbnails erscheinen – das ist alles. Kein Importdialog mit zehn Optionen, kein Aufbau einer Datenbank, die erst einmal eine halbe Stunde braucht (bei großen Ordnern sollte man allerdings mit Einlesezeit rechnen). Das ist für den alltäglichen Workflow ein erheblicher Unterschied.
Der Funktionsumfang: Alles aus Camera Raw – und mehr
Wer befürchtet, mit einer abgespeckten Toolbox dazustehen: diese Sorge ist unberechtigt. RapidRAW bietet alle wesentlichen Einstellungen, die man aus Adobe Camera Raw kennt: Belichtung, Kontrast, Lichter, Tiefen, Weiß- und Schwarzpunkt, Klarheit, Dunst entfernen, Sättigung und Farbdynamik (Vibrance). Dazu Tonwertkurve, HSL-Farbmischer, Rauschreduzierung, Schärfung, Objektivkorrektur mit Lensfun-Integration, Transformationswerkzeuge, Zuschneiden und Begradigen.
Darüber hinaus bietet RapidRAW Features, die in Camera Raw entweder gar nicht oder nur mit Zusatz-Workflows verfügbar sind: LUT-Einbindung für kreative Farbgebung, den AgX-Tonemapper (bekannt aus Blender und Darktable), Light Flares, Halation und Glow – also gezielt filmische Anmutungen, die sich organisch in den Entwicklungsprozess einbinden lassen, ohne auf externe Plugins angewiesen zu sein. Das Masking-System unterstützt Flächen-, Verlaufs- und KI-basierte Subjektmasken sowie parametrische Farb- und Helligkeitsmasken. Auch Vektorscopes, Waveforms, Parades und ein Echtzeit-Histogramm sind an Bord.
Alle Bearbeitungen sind nicht-destruktiv, lassen sich auf andere Bilder kopieren und im Batch-Betrieb anwenden. Die Exportoptionen sind flexibel und – ein kleines, aber praktisches Detail – RapidRAW merkt sich die zuletzt genutzten Exporteinstellungen.
Was noch Luft nach oben hat
Es gibt (bislang) zwei Punkte, die mich im Alltag stören.
Die Bilderliste in der Bibliothek lässt sich nur vom ältesten zum neuesten Bild sortieren – nicht umgekehrt. Wer wie ich 3D-Bilder rendert und die neuesten Bilder zuerst sehen möchte, muss ans Ende der Liste scrollen. Das ist ein kleines, aber konkretes Ergonomie-Problem, das hoffentlich bald behoben wird.
Außerdem lässt die automatische Belichtungskorrektur noch ein wenig zu wünschen übrig. Sie trifft nicht immer das, was man als optimale Ausgangslage erwarten würde – für einen ersten Ansatz funktioniert sie, als Arbeitspferd im täglichen Einsatz eher weniger. Fairerweise muss man aber sagen, dass auch Adobe Camera Raw hier oft schwer daneben greift.
Neutral zu bewerten ist die Tatsache, dass die Software ausschließlich auf Englisch verfügbar ist. Für die Mehrheit der erfahrenen Fotografen dürfte das kein Problem sein, ich nutze ohnehin alle Tools nur in englischer Sprache, für Personen ohne Englischkenntnisse könnte das allerdings eine Hürde bedeuten.
Für wen ist RapidRAW geeignet?
Für Fotograf°Innen, die einen schlanken, schnellen und lokalen RAW-Entwickler suchen, ohne monatlich Geld an ein US-Unternehmen zu überweisen. Für alle Bildberabeiter°Innen, denen die Lernkurve und die bisweilen sperrige Benutzeroberfläche von Darktable oder RawTherapee zu komplex ist. Für alle, die sich von Adobe-Produkten lösen wollen und dabei nicht auf eine durchdachte Arbeitsoberfläche verzichten möchten.
Wer eine vollständige Lightroom-Replacement-Lösung inklusive komplexem Katalog-Management für zehntausende Bilder sucht, sollte die Software als das betrachten, was sie zum jetzigen Zeitpunkt ist: ein junges, sehr vielversprechendes Projekt in aktiver Entwicklung. Der Entwickler kommuniziert transparent, welche Features geplant sind, und der Entwicklungstakt ist beeindruckend – mehrere Updates pro Woche sind keine Seltenheit.
Fazit
RapidRAW ist ein erfreuliches Gegenbeispiel zu dem Weg, den viele Software-Alternativen nehmen: Es ist kein mühsames Zugeständnis an den Open-Source-Gedanken mit UX-Einschränkungen, sondern eine wirklich attraktive, schnelle und gut durchdachte Anwendung. Wer Camera Raw kennt, ist sofort zu Hause, findet aber auch Features, die Adobe nicht bietet – und das kostenlos, lokal, ohne Abo, ohne Cloud, ohne dass irgendwelche Bilddaten auf fremden Servern landen.
In einer Zeit, in der ein Microsoft-Anwalt unter Eid zugeben musste, dass US-Behörden auf europäische Serverdaten zugreifen können, und in der das „Kostenlos“-Versprechen eines australischen Designkonzerns die letzte ernstzunehmende Adobe-Alternative im Desktop-Bereich geschluckt hat, ist eine Software wie RapidRAW mehr als nur ein praktisches Werkzeug. Sie ist ein Argument dafür, dass digitale Unabhängigkeit insbesondere auch mit Open Source-Software möglich ist.
RapidRAW ist auf GitHub verfügbar: github.com/CyberTimon/RapidRAW
