Die Artikel zu meiner Euro-Office-Ankündigung war kaum fertig getippt, da folgt schon die erste juristische Ansage. OnlyOffice – die Software, auf der Euro-Office technisch aufbaut – hat am 30. März 2026 eine öffentliche Stellungnahme veröffentlicht, in der dem Projekt von Nextcloud und Ionos Lizenzverletzungen vorgeworfen werden.
Der Vorwurf
OnlyOffice ist unter der GNU Affero General Public License v3 (AGPL v3) lizenziert – ergänzt um Zusatzbedingungen nach Section 7 dieser Lizenz, die unter anderem das Beibehalten des OnlyOffice-Brandings und der Logoattribution in Derivaten vorschreiben. Laut OnlyOffice ignoriert Euro-Office genau diese Bedingungen. Die Stellungnahme lässt an Schärfe nichts zu wünschen übrig: man fordert die sofortige und vollständige Einhaltung aller Lizenzbedingungen – andernfalls erlöschen nach Section 8 der AGPL v3 automatisch alle Nutzungsrechte.
Nicht ganz unschuldig
Was OnlyOffice in seiner Stellungnahme allerdings nicht erwähnt: Das Unternehmen selbst steht seit Februar 2026 unter Beschuss. Die Document Foundation, Herausgeberin von LibreOffice, bezeichnete OnlyOffice in einem Blogbeitrag von TDF-Mitgründer Italo Vignoli öffentlich als „fake Open Source“. Der Kern des Vorwurfs: OnlyOffice verwende Microsofts OOXML-Formate (DOCX, XLSX, PPTX) als Standard statt des offenen ISO-Formats ODF – und festige damit Microsofts Formathegemonie, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Aus Sicht der TDF macht das OnlyOffice nicht zu einer echten Alternative, sondern zu einem verlängerten Arm des Microsoft-Ökosystems.
OnlyOffice argumentiert dagegen, dass eben diese Microsoft-Kompatibilität der praktische Vorteil für Organisationen sei, die von Microsoft-Produkten wegwollen. Das ist kein unvernünftiges Argument. Es ändert aber nichts daran, dass ein Unternehmen, das selbst wegen fragwürdiger Open-Source-Haltung in der Kritik steht, nun anderen Lizenzverletzungen vorwirft – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Was das für Euro-Office bedeutet
Euro-Office befindet sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Ob die Lizenzfrage eine echte rechtliche Auseinandersetzung nach sich zieht oder ob Nextcloud und Ionos die Bedingungen schlicht erfüllen und damit den Streit beenden, ist offen. Dass das Projekt in dieser frühen Phase bereits in einen Lizenzstreit mit seiner eigenen technischen Grundlage gerät, ist allerdings kein gutes Zeichen – und bestätigt die Skepsis, die ich beim ersten Artikel zu Euro-Office bereits geäußert hatte, was die Kompatibilität zwischen OnlyOffice und der Open-Source-Community angeht.
Zu hoffen bleibt, dass die Beteiligten das pragmatisch lösen. Die Idee hinter Euro-Office ist richtig. Der Start war holprig.
Eine Reaktion von Nextcloud oder Ionos liegt bisher nicht vor.
Quellen:
- OnlyOffice: „ONLYOFFICE flags license violations in ‚Euro-Office‘ project by Nextcloud and IONOS“, 30. März 2026 (onlyoffice.com)
- Italo Vignoli / The Document Foundation: Blogbeitrag „fake Open Source“, 16. Februar 2026, zit. nach WinFuture (winfuture.de)

