Canva, die im März 2024 die Affinity-Software-Suite gekauft hatten, „verschenkt“ diese seit Oktober 2025. Designer, Photo und Publisher gibt es seitdem „kostenlos“, zusammengefasst in einer neuen App. Man braucht nur einen Canva-Account – der kann in der Basisversion ebenfalls kostenlos ist. „Free forever“ steht in der Pressemitteilung.
Das klingt zunächst verlockend. Software, die früher zwischen 100 und 170 Euro für die komplette Suite kostete (günstiger, wenn man es in irgendeinem Sale erwarb), und die stets als Adobe-Alternative ohne teures Abo beworben wurde, gibt es jetzt umsonst. Doch wer sich intensiver mit Lizenzbedingungen und Geschäftsmodellen beschäftigt, wird skeptisch sein.
Was tatsächlich kostenlos ist
Die Basisversion der neuen Affinity-App funktioniert offline und lokal auf dem Rechner und bietet Vektor- und, Pixelbearbeitung sowie, Layout. Man kann PSD-, AI-, PDF- und SVG-Dateien importieren. Sogar Pantone-Farben sind enthalten, wofür Adobe seit Jahren extra kassiert. Etliche Photoshop-Plugins sind lauffähig (und das funktionirt inzwischen sogar, wie ich ausprobiert habe).
Technisch ist die Integration der drei Einzelanwendungen in ein Interface mit Abstrichen ganz gut gelungen. Die Software ist leistungsfähig und für viele – auch professionelle – Anwendungsfälle ausreichend.
„Free forever“ bezieht sich auf die Basisversion. KI-Funktionen wie Generative Fill, automatisches Freistellen oder Portrait Lighting gibt es nur mit Canva-Premium-Abo. Das kostet rund 100 Euro pro Jahr.
Das Problem: fehlende Garantien
Im Plattformgeschäft ist „kostenlos“ selten Selbstzweck. Es ist ein Hebel zur Nutzergewinnung, zur Verlagerung von Workflows – und zur Etablierung von Abhängigkeiten. Canva kann jederzeit entscheiden, dass bestimmte Features künftig kostenpflichtig werden, dass Exporte limitiert werden oder dass Funktionen in Premium-Abolevel wandern.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern gängige Praxis in der Freemium-Ökonomie. Kostenlose Basisversion, später Monetarisierung durch Funktionsbeschränkungen: Zahllose andere Anbieter haben in der Vergangenheit exakt dasselbe getan. Wer professionelle Workflows auf Affinity aufbaut, macht sich abhängig von Canvas Geschäftsentscheidungen. Nicht von technischen Standards, sondern von Quartalszahlen eines börsennotierten Unternehmens, das seine Lizenzbedingungen jederzeit ändern kann.
Abwärtskompatibilität als konkretes Problem
Das neue .af-Format der V3 kann von älteren Affinity-Versionen (V1/V2) nicht geöffnet werden. Für Teams mit gemischten Versionen ist das problematisch. Für die langfristige Archivierung ist ein derartiges proprietäres Format ein Risiko. Die alten V2-Apps sind aus den App Stores verschwunden. Wer sie noch hat, kann sie nutzen – aber Updates und Support gibt es nicht mehr. Canva empfiehlt für Langzeitarchivierung PDF oder IDML. Das ist ehrlich, bedeutet aber: Das native Format ist offensichtlich noch nicht einmal für Canva als dauerhafter Standard geeignet.
Canva betont, dass Affinity-Dateien lokal gespeichert werden und nicht für KI-Training verwendet werden. Das ist positiv, man muss es ihnen allerdings auch glauben – und Firmen werden immer wieder dabei erwischt, trotz eines angeblichen Ausschlusses, um mit EU-Gesetzen konform zu sein, mit Nutzerdaten ihre KI-Modelle zu trainieren. Wer kostenpflichtige KI-Features nutzt und zulässt, lädt Inhalte möglicherweise auf Canva-Server hoch, das ist insbesondere bei Daten aus Kundenprojekten rechtlich mehr als fragwürdig. Die Grenzen zwischen lokaler App und Cloud-Dienst sind fließend.
Canva ist ein datengetriebenes Unternehmen mit 260 Millionen Nutzer°Innen. Die Privacy-Policy sollte man aufmerksam lesen, bevor man sich auf die Nutzung einlässt. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass man bei Auskünften nach DSGVO bei Canva äußerst hartnäckig sein muss und die in diesem Rahmen gelieferten Dateien bisweilen nutzlos sind, man muss dann immer wieder nachfragen, bis die Firma ihrer Auskunftspflicht nachkommt.
Canva hat Affinity für 380 Millionen Dollar gekauft. Das war keine wohltätige Geste: Drei Millionen Nutzer°Innen, die bereits Affinity einsetzten, sind ein wertvoller Akquisekanal. Die Rechnung dahinter: Affinity holt Profis ins Ökosystem. Einige brauchen KI-Features → Premium-Abo. Andere wollen kollaborieren → Canva Pro. Wieder andere nutzen Print-Services, Templates, Stock-Assets, die sind kostenpflichtig.
Die kostenlose App ist das Einstiegstor. Die Monetarisierung findet dahinter statt. Das ist ein legitimes Geschäftsmodell, aber es unterscheidet sich grundlegend von Software, die man kauft und besitzt.
Für wen es sinnvoll ist
Für Studenten, Einsteiger und Hobbyprojekte ist die kostenlose Affinity-Version durchaus attraktiv. Die Funktionalität reicht für viele Anwendungsfälle.
Professionelle Anwender mit langfristigen Projekten sollten sich der Abhängigkeiten bewusst sein. Wer Wert auf Kontrolle über Formate und Workflows legt, sollte parallel mit offenen Standards arbeiten. Für Archivierung empfiehlt sich PDF oder IDML statt des proprietären .af-Formats. Wer die KI-Variante abonniert sollte sich der rechtlichen Implikationen bewusst sein, wenn man Kundendaten auf Canva-Server hochlädt.
Fazit
Affinity kostenlos anzubieten ist ein cleverer Schachzug, der vermutlich den Markt verändern und Adobe hoffentlich unter Druck setzen wird. Viele Menschen bekommen Zugang zu professionellen Werkzeugen. Aber „kostenlos“ ist nicht gleichbedeutend mit „frei“. Und „free forever“ ist Marketing-Sprech, kein Rechtsanspruch. Wer das versteht und die Software trotzdem nutzen möchte soll das tun. Die Software ist grundsätzlich gut, auch wenn Bugs seit der ersten Version nicht beseitigt wurden, manche UX-Entscheidungen seltsam anmuten und der epub-Export des DTP-Unterprogramms (früher Publisher) bis heute Wünsche offen lässt (allerdings gilt das auch für InDesign).
Wer jedoch glaubt, hier eine dauerhafte, bedingungslose Adobe-Alternative gefunden zu haben, sollte die Lizenzbedingungen genauer prüfen, insbesondere die, im Kleingedruckten, und man sollte sich darüber im klaren sein, dass Canva die EULA jederzeit ändern kann.
Damit verlieren wir als Designer im professionellen Bereich leider die einzige wirklich gangbare Alternative zu Adobe-Produkten.

