Das Fediverse – ein Begriff, von dem die meisten Social Media-Nutzer°Innen vermutlich noch nie etwas gehört haben; es handelt sich um ein demokratisches Soziales Netzwerk, basierend auf Open Source-Software, abseits der etablierten Plattformen und nicht unter Kontrolle großer Tech-Firmen. Anlass, sich damit zu beschäftigen, gibt es mehr denn je: Die etablierten sozialen Netzwerke werfen zunehmend Fragen bezüglich Datenschutz und Moderation auf und alle Betreiber sind entweder Trump-Anhänger oder stehen unter Kontrolle der chinesischen Regierung. Besonders problematisch ist X, ehemals Twitter, das unter Elon Musk zu einer Plattform voller Hass, Hetze und KI-Kinderpornografie wurde.
Dazu kommt die kürzliche Aussage eines Meta-Mitarbeiters, dass alle Opt-Out-Funktionen, die eingerichtet wurden um europäischem Datenschutzrecht zu genügen, faktisch wirkungslos seien. Die Daten würden dennoch gesammelt, was klare Rechtsverstöße darstellt – die europäischen Datenschutzbehörden scheint das allerdings nicht zu interessieren.
Bluesky wird oft als Alternative genannt, ist aber ebenfalls ein geschlossenes System unter Firmenkontrolle, das jederzeit den Twitter-Weg gehen könnte. Der Netzaktivist Cory Doctorow beschrieb es treffend als »eine coole Party in einem brennenden Haus ohne Ausgänge«.
Das Konzept
Fediverse ist ein Kofferwort aus „Federation“ und „Universe“. Gemeint ist eine Anzahl von Social Media-artigen Plattformen wie beispielsweise Mastodon (die bekannteste), Pixelfed (die Instagram-Alternative), Friendica oder Misskey. Diese Plattformen unterscheiden sich in Darreichungsform und verfügbaren Optionen. Misskey etwa bietet mehr Organisationsmöglichkeiten als Mastodon, ist dafür etwas komplexer in der Bedienung.
Der entscheidende Vorteil: Im Gegensatz zu klassischen sozialen Medien können hier alle Plattformen miteinander kommunizieren.
Anders formuliert: Es spielt keine Rolle, für welche Plattform im Fediverse man sich entscheidet – man kann Menschen auf anderen Plattformen folgen und mit ihnen interagieren. Ohne Algorithmus, ohne Überwachung und ohne bezahlte Werbung.
Und das auf dem Desktop oder dem Smartphone: Entweder sind die Webseiten bereits mobil optimiert, oder man nutzt eine der zahlreichen verfügbaren Apps.
Man benötigt also nicht separate Konten bei Mastodon, Pixelfed und Friendica für unterschiedliche Zielgruppen. Alles ist interoperabel. Selbstverständlich steht es einem frei, verschiedene Personas auf unterschiedlichen Plattformen anzulegen – etwa einen persönlichen Account bei Mastodon und einen weiteren fürs Fotografie-Hobby bei Pixelfed.
Dezentralität als Grundprinzip
Das Fediverse ist dezentral organisiert. Es besteht aus einem Verbund vieler Server mit den genannten Applikationen, die miteinander vernetzt sind. Es gibt keinen zentralen Anbieter – theoretisch kann jede und jeder einen Fediverse-Server betreiben. Damit ist das Fediverse nicht in der Hand einzelner Unternehmen, sondern erinnert durch die Dezentralisierung an das frühe Internet.
Das Fediverse gehört allen.
Der Einstieg
»Das ist mir zu kompliziert« – ein häufiger Einwand. Die Realität sieht anders aus. Für den Anfang empfiehlt sich ein Mastodon-Konto auf mastodon.social, mastodon.online oder beispielsweise nrw.social. Einfach die Adresse aufrufen, Konto anlegen, fertig. Nicht komplizierter als bei anderen Plattformen.
Anfangs ist die Timeline naturgemäß leer, da man nicht mit algorithmisch ausgewählten Inhalten versorgt wird. Man findet Profile über die Suche und durch Kommunikation – viele Nutzer°Innen kündigen ihren Umzug auf klassischen sozialen Medien an.
Moderation und Sicherheit
Wenn jeder einen Server betreiben kann – können das nicht auch problematische Akteure? Natürlich. Jede Serverbetreiberin kann jedoch Blocklisten anlegen, die verhindern, dass bestimmte Server auf den eigenen Server föderieren. Community-gepflegte Blocklisten mit Servern, die rechtswidrige Inhalte teilen, lassen sich auf dem eigenen Server einbinden.
Falls der eigene Serverbetreiber fragwürdig agiert oder den Dienst einstellt, lässt sich das Konto umziehen. Es gibt eine vergleichsweise einfache Migrationsmöglichkeit. Profile, denen man folgt und die einem folgen, ziehen dabei mit um, anders als bei den Walled Gardens und Lock-Ins der großen Anbieter.
Alt-Texte und Barrierefreiheit
Im Fediverse wird großer Wert auf sogenannte Alt-Texte gelegt. Wenn man ein Bild hochlädt, beschreibt man dessen Inhalt in einem Text für blinde oder sehbehinderte Personen. Das bedeutet einen gewissen Aufwand, hilft diesen Personen aber enorm. Es gibt bereits erste Lösungen von Bots, die KI-basierte Inhaltsbeschreibungen automatisiert anhängen können.
Neue Nutzer°Innen sollten nicht irritiert sein, wenn sie freundlich auf fehlende Alt-Texte hingewiesen werden – das gehört zur Kultur des Fediverse.
Technische Besonderheiten
Wenn man anfängt, Profilen zu folgen, kann es durch die Föderation und andere technische Gründe etwas dauern, bis Posts angezeigt werden. Also entspannt zurücklehnen und einfach ein wenig warten warten (in aller Regel nur Sekunden, manchmal aber auch länger).
Neben den Microblogging-Plattformen existieren zahlreiche weitere Anwendungen im Fediverse: Lemmy als Reddit-Alternative, BookWyrm als Pendant zu Goodreads, Mobilizion für Event-Ankündigungen, Funkwhale für Musik und Podcasts, PeerTube für Videos und vieles mehr. Alles kann miteinander kommunizieren.
Gibt es Nachteile?
Selbstverständlich. Auch im Fediverse sind Menschen unterwegs. Der Umgang ist generell deutlich besser als auf klassischen sozialen Medien, aber auch hier gibt es gelegentlich schwierige (zumeist männliche) Charaktere. Im Allgemeinen hat sich jedoch ein respektvoller Umgang miteinander entwickelt.
Besonders für Institutionen und Firmen wichtig: Die Kommunikation funktioniert hier nicht einseitig. Wenn Nutzer°Innen antworten, sollte man darauf eingehen. Reine Einbahnstraßen-Kommunikation wird in der Regel nicht gut aufgenommen. Andererseits zeigen sich die Nutzer°Innen im Fediverse in der Regel dankbar, wenn insbesondere kommunale oder staatliche Protagonist°Innen sich entschließen, dort zu posten.
Was momentan noch nicht plattformübergreifend funktioniert, sind private Gruppen. Misskey und dessen Forks beherrschen das ebenso wie Friendica, Mastodon allerdings noch nicht. Das steht jedoch auf der Roadmap und ist als »bereits in Arbeit« gekennzeichnet.
Digitale Souveränität
Auch in Sachen digitaler Souveränität, also Unabhängigkeit von den US-Anbietern, ist das Fediverse weit vorne. Die Protokolle werden unabhängig entwickelt und Mastodon, die vermutlich meistgenutzte Fediverse-Software, stammt sogar ursprünglich aus Deutschland (und wird von einer gemeinnützigen Organisation weiterentwickelt).
Damit ist das Fediverse auch für Firmen oder Behörden eine echte Alternative, abseits von Plattformkapitalismus, algorithmengesteuerten Empörungsinhalten inklusive Hass und Hetze, sowie Trump-Fan-Firmen mit ultrarechten Agenden.
Weitere Informationen
Weiterführende Informationen finden sich im joinfediverse-Wiki (englisch) oder bei Digitalcourage (deutsch).
Auch ich kann bei Fragen gern unterstützen.
Headerbild: Kiwi, die joinfediverse.wiki-Eule von David Revoy, CC-BY

